Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO-Therapie)
Kurzüberblick — Nutzen auf einen Blick (Stand: 2025)
Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) ist eine etablierte, druckbasierte Therapie, die die Sauerstoffversorgung des Gewebes verbessert und so Heilungsprozesse unterstützt[1]. Sie ist besonders wirksam bei ausgewählten Indikationen wie Dekompressionskrankheit, Gasembolien und bestimmten Wundheilungsstörungen. Dieser Eintrag beschreibt Definition, Ablauf, Indikationen, Nutzen, Risiken, Kosten und Praxisbeispiele und enthält praktische Hinweise für Anwender und Entscheider.
Definition & Konzept
HBO-Therapie bezeichnet eine medizinische Behandlung, bei der Patient:innen in einer Druckkammer unter erhöhtem Luftdruck reinen Sauerstoff einatmen. Der erhöhte Druck sorgt dafür, dass sich deutlich mehr Sauerstoff im Blut löst und in die Körpergewebe transportiert wird, was die natürliche Heilung fördern soll[1].
Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO-Therapie) ist eine medizinische Behandlung, bei der Patient:innen in einer Druckkammer unter erhöhtem Luftdruck reinen Sauerstoff einatmen. Der erhöhte Druck sorgt dafür, dass sich deutlich mehr Sauerstoff im Blut löst und in die Körpergewebe transportiert wird, was die natürliche Heilung fördern soll. Die HBO wird bei einer Vielzahl von Erkrankungen wie der Taucherkrankheit, Gasembolien, bestimmten Infektionen, chronischen Wunden und zur Behandlung des diabetischen Fußsyndroms eingesetzt, wobei Krankenkassen die Kosten unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen[2].
So funktioniert die Therapie
Grundprinzip: Erhöhter Umgebungsdruck in Kombination mit 100 % Sauerstoff erhöht die Löslichkeit von O₂ im Blutplasma. Dadurch steigt die Sauerstoffzufuhr in hypoxische Gewebe — unabhängig von der Hämoglobinbindung[1].
Technische und praktische Kernelemente:
- Druckkammer: Die Patient:innen begeben sich in eine spezielle Druckkammer.
- Überdruck: Der Luftdruck in der Kammer wird über den Normaldruck hinaus erhöht.
- Reiner Sauerstoff: Gleichzeitig atmen die Patient:innen 100 % reinen Sauerstoff ein, meist über eine Maske.
- Erhöhte Löslichkeit: Der hohe Druck und der reine Sauerstoff bewirken, dass sich eine höhere Sauerstoffkonzentration im Blutplasma löst und den Körpergeweben zur Verfügung steht.
- Förderung der Heilung: Dieser erhöhte Sauerstoffgehalt fördert die Sauerstoffversorgung der Gewebe und unterstützt so den natürlichen Heilungsprozess.
Die obigen Punkte beschreiben die physikalischen Grundlagen und wichtigsten Schritte in der Therapieausführung.
Anwendungsbereiche
Die HBO-Therapie kommt bei verschiedenen Erkrankungen zum Einsatz, darunter:
Die HBO-Therapie kommt bei verschiedenen Erkrankungen zum Einsatz, darunter:
Dekompressionskrankheit (Taucherkrankheit) und Gasembolien.
Bestimmte Infektionen und chronische Wunden, wie das diabetische Fußsyndrom.
Krankheitsbilder, die durch Sauerstoffmangel in den Geweben gekennzeichnet sind.
Unter bestimmten Bedingungen auch bei Hörsturz oder Long/Post-COVID[1].
- Dekompressionskrankheit (Taucherkrankheit) und arterielle Gasembolien — akut, oft Notfallbehandlung.
- Bestimmte Weichteilinfektionen (z. B. nekrotisierende Fasziitis in Kombination mit Antibiotika und chirurgischer Therapie).
- Chronische, schlecht heilende Wunden (z. B. diabetisches Fußsyndrom) bei fehlendem Ansprechen auf Standardtherapie.
- Strahlennekrosen nach Radiotherapie (z. B. im Kopf-Hals-Bereich).
- Ausgewählte Indikationen: CO‑Vergiftung, schwer therapieresistente Osteomyelitiden, ausgewählte Fälle von Ischämie.
Ablauf / How-To: HBO-Therapie in Schritten
Die folgenden Schritte geben eine standardisierte Übersicht — lokale Protokolle und Indikationskriterien sind verbindlich.
Schritt 1: Indikationsstellung und Aufklärung
Kontraste, Begleiterkrankungen (z. B. COPD, Epilepsie), Schwangerschaft prüfen. Aufklärung über Ablauf, Dauer, mögliche Nebenwirkungen und Alternativen[1].
Schritt 2: Präparation und Screening
HNO-Status, Zähne, Tauchanamnese, aktuelle Infektionen und Medikamenteninteraktionen prüfen. Druckereignisse (Barotrauma-Risiko) minimieren.
Schritt 3: Durchführung in der Druckkammer
Typische Parameter: 2,0–2,8 ATA (Atmosphären-Äquivalent), Sitzungsdauer 60–120 Minuten. Sauerstoffgabe meist über Maske oder Helm; intermittierende Pausen mit Luftatmung können vorgesehen werden[1].
Schritt 4: Monitoring während und nach der Sitzung
Überwachung von Vitalparametern, Bewusstsein, Ohr- & Nebenhöhlenkomfort. Dokumentation von Komplikationen und subjektivem Befinden.
Schritt 5: Therapieplanung & Evaluation
Gesamtzahl der Sitzungen richtet sich nach Indikation (z. B. 20–40 Sitzungen bei chronischen Wunden). Zwischenauswertungen und multidisziplinäre Abstimmungen sind entscheidend.
Mögliche Nebenwirkungen & Risiken
Es können auch Nebenwirkungen auftreten, die aber in der Regel reversibel sind: Schmerzen in den Ohren oder Nebenhöhlen, Vorübergehende Kurzsichtigkeit (Myopie), Selten kann es zu Krampfanfällen kommen[1].
- Barotrauma (Ohr- und Nasennebenhöhlen): häufigste Beschwerden.
- Sehveränderungen (temporäre Myopie) nach mehreren Sitzungen.
- Oxygeninduzierte Krampfanfälle: sehr selten, erhöhtes Risiko bei bestimmten Vorerkrankungen und Medikamenten.
- Plötzliche Druckabfälle oder technische Störungen: selten, erfordern Notfallprotokolle.
Kosten & Kostenübernahme
Für bestimmte Indikationen wie das diabetische Fußsyndrom kann die HBO eine Kassenleistung sein.
Für andere Anwendungen, wie zum Beispiel beim Hörsturz oder bei chronischen Wunden, ist die Therapie oft eine sogenannte IGeL-Leistung (Individuelle Gesundheitsleistung) und muss von den Patient:innen selbst bezahlt werden[2].
Praktisch: Vor Therapiebeginn die Kostenerstattung mit der Krankenkasse klären und gegebenenfalls einen Antrag auf Kostenübernahme stellen (ggf. Einholung eines Gutachtens)[2].
Vorteile & Nachteile
Vorteile
- Verbesserte Gewebeoxygenierung unabhängig von Hämoglobin.
- Beschleunigte Wundheilung bei ausgewählten Patienten.
- Lebensrettend in akuten Notfällen (z. B. Gasembolie, CO-Vergiftung).
Nachteile
- Hoher logistischer und technischer Aufwand (Druckkammern, qualifiziertes Personal).
- Kontraindikationen und Nebenwirkungen möglich.
- Kostenträgerentscheidung variiert; nicht immer erstattungsfähig[2].
Fallstudie / Praxisbeispiel
Diabetisches Fußsyndrom — Multidisziplinärer Ansatz
Patient: 68 Jahre, diabetischer Fußulkus seit 6 Monaten, periphere arterielle Verschlusskrankheit, konservative Therapie ohne ausreichende Heilung. Intervention: Revaskularisation + HBO (30 Sitzungen à 90 Minuten, 2,4 ATA). Ergebnis: deutliche Granulationsbildung, Reduktion der Infektlast, Vermeidung einer höheren Amputation innerhalb 6 Monaten.
Praxis-Tipp: Frühzeitige Einbindung von Gefäßmedizin und Wundmanagement erhöht Therapieerfolg.
Vergleichstabelle: Indikation, Evidenz & Erstattung
| Indikation | Evidenz / Nutzen | Erstattung (DE) |
|---|---|---|
| Dekompressionskrankheit / Gasembolie | Hohes Nutzen-Risiko-Verhältnis; Standardtherapie in Notfall | Regelhaft erstattungsfähig |
| Diabetisches Fußsyndrom (ausgewählte Fälle) | Gute Evidenz für Vermeidung von Amputation in Kombinationstherapie | Unter definierten Voraussetzungen erstattungsfähig |
| Hörsturz / Long-COVID | Gemischte Studienlage; Nutzen umstritten[2] | Meist IGeL / Einzelfallentscheidungen |
Glossar
- ATA
- Einheit des Umgebungsdrucks in der Druckkammer; 1 ATA entspricht dem normalen Luftdruck auf Meereshöhe.
- Barotrauma
- Verletzungen durch Druckunterschiede (z. B. Trommelfellruptur, Nasennebenhöhlenbeschwerden).
- IGeL
- Individuelle Gesundheitsleistungen — medizinische Leistungen, die nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden.
Weitere Begriffe
- CO‑Vergiftung
- Vergiftung durch Kohlenmonoxid; HBO kann lebensrettend sein.
- Granulation
- Neubildung von Gewebe während der Wundheilung.
FAQ
1. Was ist die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO)?
Die HBO ist eine Behandlung, bei der Patient:innen in einer Druckkammer 100 % Sauerstoff unter erhöhtem Druck atmen, um die Gewebeoxygenierung zu verbessern[1].
2. Bei welchen Erkrankungen wird HBO angewendet?
Typische Indikationen sind Dekompressionskrankheit, Gasembolien, bestimmte Infektionen, strahlenbedingte Nekrosen und ausgewählte Fälle des diabetischen Fußsyndroms[1].
3. Ist die Therapie schmerzhaft?
Die Behandlung selbst ist meist schmerzfrei; Druckausgleich kann Ohr- oder Nebenhöhlenbeschwerden verursachen.
4. Wie lange dauert eine Sitzung?
In der Regel 60–120 Minuten, abhängig von Indikation und Protokoll[1].
5. Gibt es Risiken?
Ja — Barotrauma, temporäre Myopie und sehr selten Krampfanfälle. Die Risiken werden vorab abgeklärt[1].
6. Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Bei bestimmten Indikationen (z. B. ausgewählte Fälle des diabetischen Fußes) ja; in anderen Fällen als IGeL-Leistung[2].
7. Wie viele Sitzungen sind üblich?
Je nach Indikation 10–40 Sitzungen; bei Notfallindikation weniger, bei chronischen Wunden häufig mehrere Wochen.
8. Wer führt HBO durch?
Erfahrene Hyperbarmediziner:innen, speziell geschultes Pflegepersonal und technische Operatoren in zertifizierten Zentren.
9. Gibt es Kontraindikationen?
Unbehandelter Pneumothorax, bestimmte Lungenerkrankungen und unkontrollierte Epilepsie sind typische Kontraindikationen[1].
10. Welche Dokumentation ist wichtig?
Indikationsstellung, Therapiedokumentation (Druck, Dauer, O₂-Gabe), Nebenwirkungsdokumentation und interdisziplinäre Befunde sollten lückenlos vorhanden sein.
Quellen & Weiterführende Links
- Undersea & Hyperbaric Medical Society (UHMS) — Leitlinien und Indikationslisten
- Deutsche Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) — Fachinformationen
- AWMF-Leitlinien (je nach Thema) — Empfehlungen zu Wundbehandlungen und Infektionen
- Systematische Übersichten (z. B. Cochrane) zur Evidenzlage bei spezifischen Indikationen
Hinweis: Bei konkreten Einzelfallentscheidungen immer lokale Leitlinien und Kostenträger-Regelungen konsultieren.
Zuletzt geprüft
Stand
Quellenverzeichnis
- AGNN: Therapieempfehlungen für die Notfallmedizin 2024 — Kapitel HBO, S. 120–122
Die offizielle Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Norddeutscher Notärzte listet die Indikationen, Abläufe, Risiken und technischen Details der HBO-Therapie in aktuellen Zusammenfassungen auf und deckt die im Artikel dargestellten Kernpunkte ab. - Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): HTA Bericht Hyperbare Sauerstofftherapie, 2018 (Stand und Evidenzlage)
Der HTA-Bericht des G-BA bietet eine wissenschaftlich fundierte Bewertung und beschreibt die Evidenz, Indikationen, Kostenübernahme sowie Einschränkungen und Nebenwirkungen der hyperbaren Sauerstofftherapie, wie sie im Artikel dargestellt werden.
Handlungsempfehlung / Fazit
Empfehlung für Kliniken und Entscheider: Implementieren Sie HBO als Teil eines multidisziplinären Versorgungswegs für klar definierte Indikationen. Sorgen Sie für standardisierte Aufnahme- und Dokumentationsprozesse, regelmäßige Schulungen des Personals und klare Vereinbarungen mit Kostenträgern. Priorisieren Sie Qualitätssicherung (Protokolle, Notfallmanagement, Audit) — so erhöhen Sie den Nutzen für Patient:innen und reduzieren wirtschaftliche Risiken.

